Blog · Schwangerschaft

Ich freue mich auf mein Kind. Und trotzdem geht es mir schlecht.

Abstrakte, ruhige Farbfläche in Lavendel- und Sandtönen zum Beitrag „Ich freue mich auf mein Kind. Und trotzdem geht es mir schlecht.“.

Du sitzt im Wartezimmer. Auf dem Tisch liegt eine Zeitschrift mit einem lachenden Bauch auf dem Titel, jemand fragt, ob du dich schon riesig freust, und du hörst dich ja sagen. Innen denkst du: Ich will das gerade nicht. Nicht heute, nicht so.

Zwei Sekunden später erschrickst du über dich selbst.

Und dann kommt der Teil, der eigentlich das Problem ist. Nicht der Gedanke. Sondern das, was du sofort danach mit ihm machst: wegräumen, korrigieren, dir vorhalten, wie undankbar das war. Andere warten jahrelang auf das, was du hast.

Dieser Text handelt von genau diesem Moment. Und davon, dass er nichts über dich aussagt, ausser dass du gerade in einer sehr grossen Veränderung steckst.

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Zwei Dinge, die sich widersprechen, können beide wahr sein

Der Denkfehler steckt in einem einzigen Wort: trotzdem.

„Ich freue mich, und trotzdem geht es mir schlecht" behandelt die beiden Hälften wie Gegner. Als müsste eine von ihnen falsch sein. Als hätte die zweite Hälfte die erste soeben widerlegt.

Das hat sie nicht.

Du kannst dich auf dein Kind freuen und dir dein altes Leben zurückwünschen. Du kannst diese Schwangerschaft gewollt haben und sie an manchen Tagen satt haben. Du kannst dankbar sein und erschöpft, zuversichtlich und verängstigt, und zwar innerhalb derselben Stunde. In der Psychologie heisst das Ambivalenz, und es ist keine Störung. Es ist die normale Reaktion auf eine Veränderung, die gross genug ist, dass sie mehrere Gefühle gleichzeitig auslöst.

Man könnte auch sagen: Ambivalenz ist der Preis dafür, dass dir etwas wichtig ist. Bei Dingen, die uns egal sind, sind wir selten zwiegespalten.

Woher der Druck kommt, sich zu freuen

Es gibt kaum eine Lebenslage, für die so genau festgelegt ist, wie man sich zu fühlen hat.

Eine Schwangerschaft wird verkündet, nicht erzählt. Es gibt Bilder dafür, Formate dafür, gerührte Gesichter. Wer in dieser Rolle sagt, dass es gerade schwierig ist, bringt das ganze Arrangement durcheinander — und merkt das sofort an den Reaktionen. Jemand wechselt das Thema. Jemand beruhigt. Jemand erinnert daran, wie sehr andere sich das wünschen.

Was daraus entsteht, ist selten ein besseres Gefühl. Meistens ist es Schweigen.

Und Schweigen ist die eine Sache, die Ambivalenz zuverlässig verschlimmert. Ein Zweifel, den man aussprechen kann, verliert an Grösse. Ein Zweifel, den man verstecken muss, bekommt Gewicht — weil zum Zweifel selbst noch die Sorge dazukommt, was es über einen aussagt, dass man ihn hat.

Was passiert, wenn du dich für eine Seite entscheidest

Der naheliegende Ausweg ist, die störende Hälfte abzuschaffen. Sich zusammenzunehmen. Positiv zu denken. Dankbarkeit zu üben.

Das funktioniert schlecht, und der Grund ist unspektakulär: Gefühle, die weg sollen, werden lauter, nicht leiser. Wer sich vornimmt, einen Gedanken nicht zu denken, denkt ihn öfter. Wer sich verbietet, müde zu sein, ist nicht ausgeruhter, sondern zusätzlich angespannt.

Dazu kommt ein zweiter Effekt, der weniger auffällt: Wenn du die Hälfte deines Erlebens für unzulässig erklärst, kannst du mit niemandem mehr ehrlich reden. Auch nicht mit den Menschen, die dir helfen könnten. Du führst dann Gespräche über eine Frau, die du gerade darstellst.

Was stattdessen hilft: den Zweifel zu Ende denken

Der Vorschlag klingt zu einfach, und er ist trotzdem der wirksamste, den ich kenne.

Nimm den Satz, vor dem du erschrickst, und brich ihn nicht ab. Frag stattdessen weiter: Was genau meine ich damit?

„Ich will das gerade nicht" ist fast nie eine Aussage über dein Kind. Wenn man weiterfragt, steht darunter meistens etwas viel Konkreteres — und Konkretes lässt sich bearbeiten:

  • Verlust. Etwas, das dir wichtig war, hört auf. Deine Arbeit in der jetzigen Form. Spontaneität. Ein Körper, über den du allein bestimmt hast. Das darf man betrauern, auch wenn das, was kommt, gut ist.
  • Angst, nicht zu reichen. Nicht „will ich nicht", sondern „kann ich das". Zwei völlig verschiedene Sätze, die sich innen gleich anfühlen.
  • Erschöpfung. Manchmal ist Müdigkeit einfach Müdigkeit. Nach drei schlechten Nächten hält kein Mensch grosse Gefühle aus, und das sagt nichts über Mutterschaft.
  • Die Beziehung. Die Frage ist nicht immer „will ich dieses Kind", sondern „will ich das so, mit dieser Aufteilung, mit dieser Person, unter diesen Bedingungen".
  • Alte Geschichte. Wer selbst schwierige Erfahrungen mit den eigenen Eltern gemacht hat, bekommt in der Schwangerschaft oft Besuch davon. Das ist kein Rückfall. Das ist ein sinnvoller Zeitpunkt.

Sobald der Satz genau ist, hört er auf, ein Urteil über dich zu sein, und wird eine Frage, mit der man etwas anfangen kann.

Vier Sätze, die dir gehören

Für Gespräche mit Menschen, die es gut meinen:

„Ich freue mich. Und es ist gerade trotzdem viel." Beide Hälften in einem Satz, in dieser Reihenfolge. Das nimmt dem Gegenüber die Sorge, dass etwas Schlimmes kommt, und lässt die zweite Hälfte trotzdem stehen.

„Ich muss das nicht lösen, ich wollte es nur erzählen." Der wichtigste Satz gegen gut gemeinte Ratschläge. Die meisten Menschen beruhigen, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen.

„Frag mich bitte nicht, ob ich mich freue. Frag mich, wie die Woche war." Konkret ist leichter zu beantworten als gross.

„Darüber möchte ich nicht sprechen." Ohne Begründung. Eine Begründung lädt zur nächsten Runde ein.

Wo Zweifel aufhört und etwas anderes anfängt

Ambivalenz schwankt. Sie hat gute Tage und schlechte, sie kommt in Wellen, und zwischendurch ist da echte Vorfreude.

Wenn es nicht mehr schwankt, ist das ein anderes Thema.

Achte darauf, wenn über mehrere Wochen fast nichts mehr Freude macht — auch Dinge, die nichts mit der Schwangerschaft zu tun haben. Wenn du dich innerlich flach und leer fühlst statt hin- und hergerissen. Wenn du Termine absagst, Kontakte meidest, dich zurückziehst. Wenn du kaum schläfst, obwohl du Gelegenheit hättest. Wenn du das Gefühl hast, versagt zu haben, bevor irgendetwas begonnen hat.

Depressive Erkrankungen kommen nicht erst nach der Geburt vor. Sie können auch in der Schwangerschaft beginnen, und sie sind gut behandelbar — aber nicht dadurch, dass man sie aussitzt. Wenn du dich in diesem Absatz wiedererkennst, ist das der Punkt, an dem du es jemandem sagst.

Wann du Unterstützung suchst

In den nächsten Tagen, wenn das Beschriebene über mehr als zwei Wochen anhält oder wenn du merkst, dass du dich zurückziehst. Zuständig sind Hebamme, Frauenärztin und Hausärztin, alle drei — auch wenn es nicht um den Körper geht. Sie hören das häufiger, als du denkst.

Heute, wenn Gedanken da sind, dir selbst etwas anzutun.

Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, rund um die Uhr, anonym, auch per Chat über 143.ch · Notfall 144 · Beratungsstellen für Schwangerschaft beraten persönlich oder telefonisch, kostenlos und vertraulich; Verzeichnis unter sexuelle-gesundheit.ch/beratungsstellen. Deutschland: Telefonseelsorge 116 123, rund um die Uhr, kostenfrei, anonym · Notruf 112 · Hilfetelefon Schwangere in Not 0800 40 40 020, rund um die Uhr, kostenfrei und anonym, auch per Chat und Mail.

Häufige Fragen

Bedeutet Ambivalenz, dass ich mir das Kind doch nicht gewünscht habe? Nein. Ambivalenz sagt etwas über die Grösse der Veränderung aus, nicht über deine Entscheidung. Auch sehnlich gewünschte Schwangerschaften bringen Zweifel mit.

Ich habe lange auf diese Schwangerschaft gewartet. Darf ich überhaupt klagen? Ja. Lange gewartet zu haben macht die Erschöpfung nicht kleiner. Es macht es nur schwerer, darüber zu sprechen, weil du damit rechnest, an deine eigene Vorgeschichte erinnert zu werden.

Schadet es meinem Kind, wenn es mir schlecht geht? Diese Sorge ist verbreitet, und sie führt dazu, dass Frauen schweigen — womit die Belastung steigt statt sinkt. Wenn du dir Sorgen machst, ist das genau der Grund, es anzusprechen, statt es allein zu tragen. Deine Hebamme oder deine Ärztin ordnet das mit dir ein.

Mein Partner versteht das nicht. Vielen fällt es leichter, wenn sie etwas Konkretes tun können. „Ich brauche mehr Unterstützung" ist schwer zu beantworten. „Kannst du am Dienstag mit zum Termin kommen" ist leicht.

Muss ich das mit jemandem professionell besprechen? Nicht zwingend. Vieles davon lässt sich mit Menschen klären, die dir nahe sind. Wenn du merkst, dass du im Kreis denkst oder dass du es niemandem in deinem Umfeld erzählen magst, ist ein Gespräch von aussen sinnvoll.


Wenn du darüber sprechen möchtest: Ich biete ein kostenfreies Kennenlernen an, online, in dem wir in Ruhe schauen, was gerade ansteht. Ohne Verpflichtung.

Dieser Text enthält allgemeines psychologisches Wissen. Er ist keine Diagnostik, keine Psychotherapie und keine Einzelfallberatung, und er ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson.

Die Szene am Anfang ist konstruiert und kein Zitat einer realen Person.

Familienkapitel · Luci Schlothauer, Psychologin M.Sc.

Stand: 27.08.2026. Fehler gefunden? Schreib an info@familienkapitel.com — ich korrigiere und vermerke es.

Quellen im Text: Hilfetelefon Schwangere in Not, hilfetelefon-schwangere.de, abgerufen 25.08.2026 · Nationales Gesundheitsportal gesund.bund.de, Unterstützung und Hilfe in der Schwangerschaft, Stand 23.04.2026 · Sexuelle Gesundheit Schweiz, sexuelle-gesundheit.ch, abgerufen 25.08.2026.

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Warum der Termin? Etwa zehn Tage danach frage ich einmal nach, wie es dir geht — vorher nicht, und was danach kommt, entscheidest du. Nach dem Absenden bekommst du eine Bestätigungsmail; erst mit deinem Klick darin bist du angemeldet.

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Psychologische Praxis Familienkapitel
Luci Schlothauer, Psychologin M.Sc.

E-Mail: info@familienkapitel.com
Telefon: +41 (0) 76 610 565 1

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